23.03.2011

Skandalisierung im Fernsehen


House of Research und das Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Freien Universität Berlin präsentierten neue Studie bei der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM), die auch als Buch erschienen ist.

Werden im Reality TV verstärkt Provokationen und Strategien der Skandalisierung eingesetzt, um Aufmerksamkeit zu erzeugen? Lassen sich insbesondere unter Bedingungen wirtschaftlicher Krise bei Castingshows, Doku-Soaps oder Coaching-Formaten verstärkt Muster der systematischen Grenzüberschreitung erkennen? Wie reagieren Zuschauer auf moralische Grenzverletzungen? Welche Entwicklungen sind hier in der Zukunft zu erwarten? Diese und weitere Fragen hat House of Research in Kooperation mit dem Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Freien Universität Berlin in einer Studie im Auftrag der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM) untersucht, die heute bei einem Roundtable Gespräch mit Vertretern von Sendern, Produktionsfirmen, Journalisten und der LfM präsentiert wurde.

Eine Kurzfassung des Berichts findet Sie <media 354>hier</media>.

Aus der Pressemitteilung der LfM:

Provokationen in Form bewusster Grenzüberschreitungen und gebrochener gesellschaftlicher Tabus werden in allen sog. Reality TV-Genres eingesetzt. Bei einzelnen Formaten wie etwa der Castingshow „Deutschland sucht den Superstar“ (RTL) ist ein starker Anstieg von Provokationen zu verzeichnen, beim Coaching-Format „Super Nanny“ (ebenfalls RTL) erreichte die Zahl der provokativen Ereignisse ein sehr hohes Niveau. Auch bei Sendungen wie „Gnadenlos gerecht – Sozialfahnder ermitteln“ (Sat.1) oder „U20 – Deutschland, deine Teenies“ (ProSieben) wurden Provokationen sehr häufig eingesetzt. Es gibt aber auch Formate, bei denen die Anzahl der Provokationen gesunken ist. Von einer generellen Steigerung der Skandalisierung im Reality TV kann demnach nicht gesprochen werden, bezogen auf einzelne Formate jedoch schon. Dabei werden Grenzverletzungen gezielt als Strategie eingesetzt, um öffentliche Aufmerksamkeit zu erzeugen.

Dies sind einige zentrale Ergebnisse der neuen Studie der Landesanstalt für Medien NRW (LfM). Der LfM-Studie „Skandalisierung im Fernsehen“ liegt eine umfassende repräsentative Untersuchung von Reality TV-Formaten hinsichtlich Grenzüberschreitungen, Tabubrüchen und inszenierten Skandalisierungen zugrunde. Die Studie umfasst zudem qualitative Fallstudien, Gruppendiskussionen mit Jugendlichen sowie Experteninterviews. Wissenschaftler vom Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Freien Universität Berlin und von House of Research Berlin analysierten Castingshows, Doku-Soaps, Coaching-Formate und andere Formen des Realitätsfernsehens. Insgesamt wurden 418 (!) Formate gezählt, die im deutschen Fernsehen im Zeitraum von 2000 bis 2009 in 29 privaten und öffentlich-rechtlichen Fernsehkanälen erstausgestrahlt wurden. Als Formate werden dabei nicht einzelne Sendungen, sondern die Sendungsform in der Gesamtheit bezeichnet, die sich über viele Ausstrahlungen und etliche Jahre erstrecken kann.

Ein Muster der Grenzverletzung sei etwa die Sexualisierung, die z. B. bei „Big Brother“ verstärkt zum Einsatz komme. So sei die Inszenierung der zehnten Staffel im Jahr 2010 im Vergleich zur ersten Staffel 2000 in den Darstellungen von Nacktheit und Sexualität zugespitzt worden. Auch die Behauptung eines Tabubruchs bereits im Vorfeld der Ausstrahlung werde gezielt eingesetzt, um Medienberichterstattung hervorzurufen und damit wiederum öffentliche Aufmerksamkeit herzustellen.

Die gesamte Pressemeldung der LfM lesen Sie hier.

Bibliografische Angabe:

Margreth Lünenborg, Dirk Martens, Tobias Köhler, Claudia Töpper: Skandalisierung im Fernsehen. Strategien, Erscheinungsformen und Rezeption von Reality TV Formaten. Berlin (Vistas) 2011. Schriftenreihe Medienforschung der Landesanstalt für Medien NRW (LfM), Band 65. ISBN 978-3-89158-542-9. 18,- Euro

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